Ihr wollt euren ersten Homeserver oder VPS aufsetzen und steht vor der Frage: Debian oder Ubuntu Server? Die kurze Antwort: Ihr macht mit beiden nichts falsch. Die lange Antwort lohnt sich trotzdem, denn die beiden unterscheiden sich an genau den Stellen, die euch später im Alltag begegnen. Wir zeigen euch, wo die Unterschiede wirklich liegen und welche Distribution zu wem passt.
Gleiche Familie, unterschiedlicher Charakter
Zuerst das Wichtigste: Ubuntu basiert auf Debian. Beide nutzen apt als Paketverwaltung, systemd als Init-System und dieselben Verzeichnisstrukturen. Wer den einen Server bedienen kann, kann auch den anderen bedienen. Die Unterschiede liegen weniger in der Technik als in der Philosophie, der Release-Politik und den Voreinstellungen.
Debian ist ein reines Community-Projekt ohne Firma dahinter. Ein neues Release erscheint, wenn es fertig ist, in der Praxis etwa alle zwei Jahre. Danach werden die Paketversionen eingefroren. Die Software ist dadurch oft älter, dafür extrem gut abgehangen.
Ubuntu gehört Canonical, einem Unternehmen. Die LTS-Versionen erscheinen verlässlich alle zwei Jahre im April und bringen tendenziell neuere Kernel und Pakete mit. Dafür trefft ihr an einigen Stellen auf Canonical-Entscheidungen, die ihr nicht bestellt habt. Dazu gleich mehr.
Support: Wie lange läuft die Kiste ohne Neuinstallation?
Ein Punkt, der beim ersten Server gern unterschätzt wird: Wie lange bekommt das System Sicherheitsupdates?
Debian Stable erhält rund drei Jahre volle Unterstützung, danach übernimmt ein Community-Team für weitere zwei Jahre im LTS-Modus. Macht in Summe etwa fünf Jahre.
Ubuntu LTS bringt fünf Jahre Standard-Support mit. Mit Ubuntu Pro, das für Privatleute auf bis zu fünf Maschinen kostenlos ist, werden daraus zehn Jahre, inklusive des Universe-Repos. Für eine Kiste, die ihr aufsetzen und dann möglichst lange nicht anfassen wollt, ist das ein echtes Argument.
Die ersten zehn Minuten: Hier stolpern Einsteiger
Im Terminal-Alltag sind Debian und Ubuntu fast deckungsgleich. Die Unterschiede ballen sich in den ersten Minuten nach der Installation. Genau die solltet ihr kennen.
sudo funktioniert bei Debian nicht immer sofort
Bei Ubuntu ist sudo immer eingerichtet. Der Benutzer aus der Installation landet automatisch in der sudo-Gruppe, der Root-Account ist gesperrt.
Bei Debian hängt es davon ab, was ihr im Installer gemacht habt. Habt ihr ein Root-Passwort vergeben, wird sudo gar nicht erst installiert und euer Benutzer ist nicht in der sudo-Gruppe. Dann sitzt ihr nach dem ersten Login vor der Meldung „user is not in the sudoers file“ und wundert euch. Die Lösung:
su -
apt install sudo
usermod -aG sudo euerbenutzer
Danach einmal ab- und wieder anmelden. Lasst ihr das Root-Passwort im Installer dagegen leer, verhält sich Debian wie Ubuntu.
Firewall und automatische Updates
Ubuntu bringt UFW als Firewall-Frontend mit (installiert, aber inaktiv) und spielt Sicherheitsupdates über unattended-upgrades automatisch ein. Bei Debian müsst ihr beides selbst nachziehen:
apt install ufw unattended-upgrades
dpkg-reconfigure -plow unattended-upgrades
Kein Hexenwerk, aber man muss es wissen. Wer sich umgekehrt wundert, warum der Ubuntu-Server nachts Pakete installiert oder beim Login „System restart required“ meldet: Das ist unattended-upgrades und gewollt.
Netzwerkkonfiguration: Netplan gegen interfaces
Der größte echte Bedienunterschied. Ubuntu Server nutzt Netplan, statische IPs konfiguriert ihr in YAML-Dateien unter /etc/netplan/ und aktiviert sie mit netplan apply. Debian setzt klassisch auf /etc/network/interfaces. Anleitungen zur IP-Konfiguration sind deshalb nicht 1:1 zwischen beiden übertragbar. Merkt euch beim Googeln also immer die eigene Distribution dazu.
Snap: Der größte Reibungspunkt bei Ubuntu
Snap ist Canonicals eigenes Paketformat, das parallel zu apt existiert. Die Idee: Anwendungen bringen alle Abhängigkeiten gebündelt mit und laufen isoliert in einer Sandbox. Auf dem Desktop kann das sinnvoll sein. Auf dem Server sorgt es regelmäßig für Ärger.
Drei Punkte sind kritisch. Erstens aktualisieren sich Snaps selbstständig, und ihr könnt das verzögern, aber nicht dauerhaft abschalten. Auf einem Server, auf dem ihr kontrollieren wollt, wann was passiert, ist das ein Problem. Zweitens leben Snaps in ihrer eigenen Welt unter /snap und /var/snap. Beim Docker-Snap führt das klassisch dazu, dass Volumes und Bind-Mounts außerhalb des Home-Verzeichnisses schlicht nicht funktionieren, weil die Sandbox blockiert. Drittens läuft der Snap Store ausschließlich auf Canonicals Servern, und den Server-Teil hat Canonical nie als Open Source freigegeben. Einen eigenen Store hosten? Geht nicht. Aus Sicht der digitalen Souveränität ist das ein zentraler Kontrollpunkt bei einem einzelnen Unternehmen.
Für euch heißt das praktisch: Installiert Docker auf Ubuntu niemals als Snap, sondern immer über das offizielle Docker-Repository. Auf Debian existiert das Thema nicht, snapd ist dort gar nicht erst installiert.
Noch ein Ubuntu-Klassiker in dieselbe Kerbe: PPAs. Die Zusatz-Paketquellen per add-apt-repository sind ein reines Ubuntu-Konzept. Auf Debian sind sie ein Fremdkörper und können euch das System zerlegen. Nutzt dort stattdessen offizielle Third-Party-Repos oder Debian Backports.
Für einen Docker-Host ist es fast egal
Jetzt die ehrliche Einordnung: Wenn euer Server vor allem ein Docker-Compose-Host ist, und das ist im Homelab der Normalfall, schrumpft der Unterschied auf ein Minimum. Das Betriebssystem ist dann nur eine dünne Schicht unter euren Containern. Ob die Pakete des Systems zwei Jahre älter sind, spielt keine Rolle, weil eure eigentliche Software containerisiert läuft und ihre Updates unabhängig vom System bekommt.
Genau deshalb bieten Hetzner, Netcup und Co. beide Distributionen als Standard-Images an, und praktisch jede Selfhosting-Anleitung funktioniert auf beiden.
Unsere Empfehlung: Wer sollte was nehmen?
Ubuntu Server, wenn ihr gerade anfangt. sudo funktioniert sofort, Sicherheitsupdates laufen ab Werk, UFW liegt bereit, und fast jedes Tutorial im Netz ist für Ubuntu geschrieben. Wenn um 23 Uhr etwas klemmt, findet ihr die Lösung im ersten Suchtreffer. Die 5 bis 10 Jahre Support sind für eine Kiste, die einfach laufen soll, ein starkes Argument. Merkt euch nur den einen Satz: Docker über das offizielle Repo installieren, nicht als Snap.
Debian, wenn ihr wisst, was ihr tut, und Ruhe wollt. Wer sudo selbst einrichten kann, bekommt das schlankere und vorhersehbarere System: kein Snap, keine Werbung in der Login-Nachricht, keine Canonical-Entscheidungen, die man zurückbauen muss. Für einen reinen Docker-Host ist Debian unserer Meinung nach die elegantere Wahl. Und aus Souveränitätssicht ist das reine Community-Modell ohne kommerziellen Torwächter schlicht das sauberere Fundament.
Ubuntu bei Spezialfällen: sehr neue Hardware (dank HWE-Kernel), ZFS out of the box, Cloud-Setups mit cloud-init oder Firmenumgebungen, die zertifizierten Support brauchen.
Debian bei Langlebigkeit ohne Vendor-Bindung: alte Hardware, Raspberry Pis (Raspberry Pi OS ist Debian), kleine VPS mit wenig RAM, oder Setups, bei denen euch in fünf Jahren keine Unternehmensentscheidung überraschen soll.
Fazit
Debian oder Ubuntu Server ist am Ende weniger eine technische Frage als eine Frage von Haltung und Komfort. Ubuntu nimmt euch am Anfang Arbeit ab und bezahlt das mit Canonical-Eigenheiten wie Snap. Debian verlangt euch am Anfang ein paar Handgriffe mehr ab und belohnt euch mit einem ruhigen, vollständig community-getragenen System. Wer von der einen zur anderen wechselt, braucht einen Nachmittag Eingewöhnung, keine Umschulung. Also: Nehmt eine, legt los, und wenn sie euch nicht gefällt, wisst ihr jetzt genau, was euch auf der anderen Seite erwartet.



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